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Addio Napoli – Abschied von Italien

 

Insgesamt viereinhalb Jahre habe ich hier verbracht, doch jetzt ist es an der Zeit, weiterzuziehen. Und alles mal Revue passieren zu lassen. 

Dass ich nicht „für immer“ in Neapel bleiben wollte, war mir im Endeffekt schon lange klar.

Als ich 2012 für mein Erasmus-Semester her kam, war es Liebe auf den ersten Blick. Trotz aller Warnungen hatte ich mich für die berüchtigte Vesuv-Metropole entschieden, denn nach 25 Jahren in Österreich fand ich, dass es an der Zeit für etwas völlig Neues wäre. Meine Wahl war daher instinktiv richtig gewesen, denn Neapel ist definitiv anders – wie sehr, sollte ich jedoch erst im Laufe der Zeit lernen.

An diesen sonnigen, aber eiskalten Februartagen 2012 war ich jedenfalls happy: Ich kann mich noch erinnern, wie ich aufgeregt die Via Toledo entlanglief, da ich es kaum erwarten konnte, endlich das Meer zu sehen. Als dann nach der Piazza del Plebiscito plötzlich der Vesuv vor mir auftauchte, war es um mich geschehen – ich hatte mein Herz an Neapel verloren. Die sechs Monate an der Uni vergingen wie im Flug und nach meiner Rückkehr nach Wien war mir klar, dass ich unbedingt noch mehr Zeit in dieser außergewöhnlichen Stadt verbringen wollte.

 

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Die Rückkehr – European Voluntary Service

Gesagt, getan, im Februar 2013 packte ich wieder meine Koffer, denn ich hatte tatsächlich einen Platz als Volontärin im Rahmen des EVS-Programms ergattert. Für ein ganzes Jahr sollte ich im Europe Direct Center der Stadt an der Planung und Konzeption von interkulturellen Events mitwirken und in der lokalen Community aktiv werden. Alles in allem super und ich war glücklich. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten – die man auch als erste Krise bezeichnen könnte – hatte ich mich eingelebt, mit dem Unterschied, dass ich diesmal schon viel mehr Einblick in das „wirkliche Leben“ der Stadt hatte. Erasmus ist toll, hat aber denkbar wenig mit der Realität zu tun. Wer wirklich verstehen möchte, wie eine Stadt und ihre Gesellschaft funktioniert, muss Teil davon werden, sprich: Die Sprache sprechen, vor Ort arbeiten und die Gepflogenheiten und Eigenheiten der Gesellschaft kennenlernen. Im Rahmen meines Projektes hatte ich diesen Prozess nun begonnen, stand allerdings aufgrund des internationalen Ambientes nach wie vor unter einem gewissen „Welpenschutz“. Nichtsdestotrotz hatte ich in diesem Jahr wertvolle Einblicke bekommen und gelernt, dass für mich bis dato selbstverständliche Dinge wie eine funktionierende Krankenversicherung oder die pünktliche monatliche Auszahlung des Gehalts in Süditalien mehr oder weniger Glückssache waren.

 

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Should I stay or should I go?

Als mein Projekt zu Ende ging, befand ich mich an einer Biegung: Einerseits hatte ich Blut geleckt, denn ich liebte das Leben im Ausland, andererseits begannen mich gewisse Dinge schon etwas zu nerven und was meine beruflichen Möglichkeiten hier betraf, hatte ich mir ohnehin niemals Illusionen gemacht. Als ich zu diesem Zeitpunkt jedoch meinen Freund kennenlernte, fiel die Entscheidung plötzlich nicht mehr so schwer – ich blieb, erstmal auf unbestimmte Zeit. Ich ließ mich als Deutschlehrerin anheuern, musste jedoch bald erkennen, dass ich damit auf Dauer nicht glücklich werden würde. Als sich jedoch plötzlich eine Web Agency bei mir meldete, um mich zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen, war ich völlig aus dem Häuschen – ich sollte Content für Kunden aus dem Tourismusbereich erstellen und übersetzen – mein Traumjob! Träume sind jedoch oft Schäume, und obwohl die Zusammenarbeit über ein Jahr im Großen und Ganzen ganz ok verlief, kam dann doch das dicke Ende: Als die Aufträge zwar immer mehr, die Zahlungen jedoch immer unregelmäßiger wurden, platze mir irgendwann der Kragen und ich stellte meine Leistungen ein – die geschuldete Kohle (um die 2.800 Euro) hab ich natürlich bis heute nicht gesehen (und ja, ich war beim Anwalt). Als sich parallel dazu noch ein lustiges Ereignis bei der Wohnungssuche begab – bei Vertragsunterzeichnung stellte sich heraus, dass der saubere Herr Anwalt einen Paragraphen eingefügt hatte, demnach sämtliche Renovierungsarbeiten der Altbauwohnung zu Lasten der Mieter zu erfolgen hätten – „kriselte“ es schon ganz schön zwischen mir und Neapel. Kein Geld, kein anständiger Job in Aussicht und vor allem – keine Wohnung! Bei Vertragsunterzeichnung hätte ja auch schon die Schlüsselübergabe erfolgen sollen und mein WG-Zimmer war bereits gekündigt. Irgendwie haben wir’s dann geschafft, in kürzester Zeit eine Wohnung zu finden und auch mein Freelance-Business hatte sich von dem Schlag erholt, allerdings: Die Luft war einfach raus, der Ofen aus, whatever – zwischen mir und Neapel lief es einfach nicht mehr.

 

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Kein Bock mehr auf Neapel – Und jetzt?

Ich war traumatisiert und Neapel nervte mich nur noch. Ich fand es immer schwieriger, die schönen Seiten der Stadt zu sehen und mich auf das Positive zu konzentrieren. Ich hatte immer weniger Lust auf Unternehmungen, mich durch die vollen Gassen zu drängen oder ewig auf einen Bus oder die Metro zu warten, um irgendwo hinzukommen. Die negativen Seiten Neapels hatten nach all den Jahren einfach Überhand genommen – was natürlich nicht heißen soll, dass ich nicht nach wie vor sehr vieles hier schätze. Nur hier leben, das geht einfach nicht mehr.

Somit begann das Pläneschmieden, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich ohnehin keine Verpflichtungen mehr in Italien: Als freie Texterin bin ich ortsungebunden und auf lokale Kunden hatte ich seit dem besagten Desaster ohnehin keine Lust mehr. Warum also nicht einfach woanders hin? Tja, die Würfel sind gefallen und am 5. Mai geht mein Flug nach… Lissabon! Erstmal für zwei Monate, da ich den Sommer wie immer in Österreich verbringen werde. Was danach kommt? Wer weiß – und das ist auch gut so!

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5 Comment

  1. Reply
    Sarah
    März 24, 2017 at 5:32 pm

    Wow, finde das sehr mutig! Im Inneren ist es ja auch ein Traum von mir, so ein „wurzelloses“ Leben zu führen, aber ich glaub das würde ich mich nicht trauen 😉 Wünsche dir auf jeden Fall Erfolg bei diesem neuen Lebensabschnitt!

    1. Reply
      Karin
      März 24, 2017 at 5:38 pm

      Vielen Dank liebe Sarah! Ich muss gestehen, dass ich bei dem Gedanken, ab Mai keine Wohnung mehr zu haben, auch etwas unruhig werde, aber im Endeffekt will ich einfach mal sehen, wie’s läuft. Und ein Ticket nach Hause ist ja schnell gebucht 🙂

  2. Reply
    tanja
    März 24, 2017 at 7:15 pm

    Kann mich dem allem nur anschließen! hab dich oft und sehr und sehr oft (!) bewundert in den letzten Jahren! Alles Gute liebe Karin! Tanja

  3. Reply
    Ilona
    März 29, 2017 at 6:45 pm

    Wow. Abgesehen vom Freund lief mein Verhältnis mit Wien EXAKT so wie deines mit Neapel!
    Erst für ein Erasmusjahr hin (obwohl mein Erasmusjahr mir viel Einblick in den Alltag gegeben hat, da ich mich wenig im Erasmus-Umfeld aufhielt), dann die Rückkehr, erst mal für ein Jahr mit der dazugehörigen Krise, weil nicht alles so anlief, wie es sollte.
    Schließlich nach dem Jahr (bei dir Ende des Projektes, bei mir Ende der Ausbildung) die Frage, ob man bleibt. Ich wollte unbedingt und fand zum Glück einen Job. Die Jobsituation war für mich aber ähnlich bescheiden – ebenso die finanziellen Probleme kenne ich zu gut (obwohl ich beim Staat beschäftigt war, anders als du also nicht selbständig).
    Und dann irgendwann der Moment: Zwischen Wien und mir lief es nicht gut. Eine etwa 1,5-2jährige Diskussion mit mir selbst: Gehen oder bleiben? Vieles gab es, was mich nervte. Die Öffis waren es jedenfalls nicht (die liebe ich bis heute 😉 ), aber dafür der Umgangston z.B. Deutschen gegenüber, die politische Kultur (wer hätte ahnen können, dass gleich nach meiner Rückkehr Pegida entstehen würde??) etc.
    Den Ausschlag gab bei mir der Job. Ich konnte, anders als Du, nicht ortsunabhängig arbeiten, aber die Jobsituation wandelte sich so ins Negative, dass klar war: Es muss was Neues her. Und es ging erst mal zurück nach Hause… tja… und von dort ging es weiter. Irgendwie gehts ja immer weiter.

    Ich war jetzt echt baff über die Parallelen! Alles Gute Dir. Ich kann so gut nachvollziehen, wie es Dir geht! Und Neapel wird IMMER ein Stück deines Herzens behalten. So wie ein Stück meines Herzens nach wie vor in Wien ist.

  4. […] meiner Entscheidung, in Italien zu bleiben, liefen wir uns jedoch ständig über den Weg, und irgendwie erschien er mir immer attraktiver. So […]

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